AbbVie Deutschland folgen

Heilung bei Krebserkrankungen neu definieren

News   •   Jun 26, 2018 14:28 CEST

In der Forschung ist es ein hochgestecktes Ziel, Krebs ein für alle Mal zu besiegen. Ein erster Schritt könnte sein, Krebs in eine chronische Erkrankung zu verwandeln und damit den Begriff „Heilung“ in den Köpfen neu zu definieren.

Dr. Henning Kleine, Medical Director bei AbbVie Deutschland, zur Zukunft der Krebsbehandlung:

Wir leben eigentlich in guten Zeiten. Nie hat es mehr therapeutische Ansätze gegeben, um Menschen mit Krebs zu behandeln, als heute. Auch wenn bereits viele Therapieoptionen zur Verfügung stehen, gibt es noch weitere am Horizont, die den Millionen Menschen Hoffnung schenken, die mit einer Krebsdiagnose und damit unmittelbaren existentiellen Ängsten umgehen müssen.

Ein multidisziplinärer Ansatz, der Operation mit Strahlentherapie und medikamentöser Behandlung kombiniert, kann vielen Patienten in frühen Stadien Heilung bringen. Selbst in fortgeschrittenen Stadien kann für manche Krebsformen eine langfristige Remission erreicht werden, die womöglich mit einer Heilung gleichgesetzt werden könnte. Die Tumorzellen werden vernichtet und kehren über Jahre – 3, 5, mitunter sogar 10 Jahre, je nach Tumorart und Aggressivität – nicht zurück. Für den Großteil fortgeschrittener Krebsformen gilt dies allerdings nicht. Darüber hinaus gibt es Tumoren, die selbst nach einer 10‑jährigen Remission wieder zurückkehren können.

Was aber haben diese Jahre in Remission für die Menschen bedeutet, deren Krebs plötzlich wieder da ist? Konnten sie ein größtenteils normales Leben führen? Haben sie de facto mit einer chronischen Erkrankung gelebt? Diese Fragen könnten ein Ausgangspunkt sein, um unser Verständnis von „Heilung“ im Kontext einer Krebserkrankung, und was wir als erfolgreiches Therapieergebnis ansehen, zu überdenken.

Eventuell lohnt sich der Vergleich mit einer HIV‑Infektion

Für Menschen, die in den 1980er und 1990er Jahren eine HIV-Diagnose erhielten, war der Tod eine unvermeidliche Konsequenz, da die Infektion nicht erfolgreich therapiert werden konnte. Mit der Einführung der Proteasehemmer Mitte der 90er, rasch gefolgt von einer Reihe weiterer innovativer Wirkstoffansätze, wandelte sich eine HIV-Infektion von einem Todesurteil hin zu einer chronischen Erkrankung, mit der die Betroffenen ein relativ uneingeschränktes und gesundes Leben führen konnten.

Könnte dies ein Ziel für eine Reihe von Krebserkrankungen sein? Was ist eigentlich ein erfolgreiches Therapieergebnis? Stellten wir die Frage, welchen Nutzen eine Krebstherapie bringen soll, beispielsweise an Ärzte, Zulassungsbehörden oder Patienten – wir würden jedes Mal eine andere Antwort erhalten.

Krebs chronifizieren

In der Regel ist das Schrumpfen des Tumors eine der häufigsten Antworten. Wichtiger sind aber die Ergebnisse, die für die Zulassung und Validierung von Wirkstoffen und Therapieoptionen relevant sind: Die Verlängerung der Überlebensrate der Patienten mit einer bestimmten Krebserkrankung und ein längeres Überleben bei nicht fortschreitender Erkrankung. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass der Tumor verschwindet. In den meisten Fällen heißt das vielmehr, dass der Patient trotz der Erkrankung weiterlebt – mit einer chronischen Krebserkrankung.

Die Diskussionen rund um ein chronisches Verständnis einer Krebserkrankung wurden nicht zuletzt durch den Markteintritt zielgerichteter Wirkstoffe angeregt. Diese unterscheiden sich von der Chemo‑ oder Strahlentherapie, deren Ansatz die Zerstörung großer Mengen an Krebszellen ist, wobei jedoch auch immer gesundes Gewebe vernichtet wird. Weder die Chemo‑ noch die Strahlentherapie können krankes von gesundem Gewebe unterscheiden.

AbbVie forscht

AbbVie und andere Unternehmen entwickeln derzeit zielgerichtete Wirkstoffe, die darauf ausgerichtet sind, an ganz bestimmten Eigenschaften einer bestimmten Krebserkrankung einzugreifen. Sie können beispielsweise so konzipiert sein, dass sie ein einzelnes Protein finden und binden, von dem man weiß, dass es die Erkrankung vorantreibt. Durch die selektive Auswahl dieses einen Proteins können gesundes Gewebe geschont und die Tumorzellen dennoch zerstört werden.

Ein neuer Denkansatz bei der Krebsbehandlung, den diese zielgerichteten Therapien ermöglichten, besteht darin, dass man so über einen langen Zeitraum das Wachstum des Tumors hemmen oder stoppen und eventuell auch einen Großteil der Krebszellen zerstören könnte. Es hat sich aber gezeigt, dass die verbleibenden Krebszellen Resistenzen entwickeln können. Hier spielen zum Beispiel genetische Veränderungen bestimmter Tumorzellen eine Rolle, die zwar nur bei einer kleinen Zahl der Krebszellen vorliegen, aber ausreichen können, um der zielgerichteten Therapie durch das Netz zu schlüpfen. Diese wenigen Krebszellen machen dann dort weiter, wo die anderen aufgehört haben.

Im besten Fall könnte dann eine zweite zielgerichtete Therapie sich dieser zweiten Zellpopulation annehmen, die Anzahl der Tumorzellen weiter drastisch reduzieren und damit das Leben der Patienten verlängern. Dank des zielgerichteten Wirkmechanismus könnte dieser Therapieansatz nach Bedarf wiederholt werden und entsprechend neue Mutationen ins Visier nehmen. Patienten könnten faktisch als geheilt angesehen werden, wenn Symptome unterbunden werden, die chronische Erkrankung aber auf einem niedrigen Level fortbesteht.

Blick in die Zukunft

Ich wünsche mir, dass Menschen trotz Krebsdiagnose zuversichtlich in die Zukunft blicken können, weil sie wissen, dass ein normales Leben mit dieser Erkrankung über Jahrzehnte möglich ist. Soweit sind wir leider noch nicht. Aber angesichts der unglaublichen Menge an Forschungsarbeiten in dieser Richtung, kombiniert mit den vielen neuartigen Therapieansätzen, die wir in den kommenden Jahren sehen werden, bin ich zuversichtlich.

Eines Tages werden wir den Krebs besiegen können. Bis dahin sollten wir eine flexiblere Definition von „Heilung“ in Betracht ziehen: Die Fähigkeit für den Patienten, ein normales, nicht eingeschränktes Leben zu führen, selbst wenn der Krebs nicht vollständig und dauerhaft vernichtet werden konnte.