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Rheumatoide Arthritis: Von der Schadensbegrenzung hin zur Krankheitskontrolle

News   •   Apr 19, 2018 10:15 CEST

Eine schwierige Erkrankung mit schwierigen Entscheidungen

Welche Playlist ist die richtige für einen Eingriff zum Knöchelersatz? Nehme ich einen Punk-Rock-Song, damit die lauten Drums und der Bass den Lärm des Eingriffs übertönen? Oder doch lieber eine beruhigende Melodie, damit ich vergesse, dass ich mit gerade einmal 18 Jahren so große Gelenkschäden habe, dass diese Operation nötig ist? Diese Fragen stellte sich Lori Anne, ein Teenager aus South Carolina (USA) mit rheumatoider Arthritis (RA), als sie in den 1990er Jahren durch ihre CD-Sammlung ging. Eine Art von Fragen, mit denen sich ein Teenager eigentlich nicht befassen müssen sollte.

Und genau deshalb machten sich Wissenschaftler in Ludwigshafen und Massachusetts (USA) daran, die Behandlung von RA fundamental zu verändern.

Damals: Wenige Behandlungsoptionen

Die Geschichte der rheumatoiden Arthritis beginnt lange vor Lori Anne und ihrer CD-Sammlung.

Als bei Lori Anne in den 1980ern eine RA diagnostiziert wurde, war es für praktizierende Rheumatologen wie Dr. Stefan Simianer ganz normal, dass Patienten sich Operationen unterziehen mussten, in denen geschädigte Gelenke ersetzt wurden. 

„Man hatte alle Unterlagen für diese Patienten vorliegen, man hatte einen großen Umschlag mit Röntgenbildern, und man konnte sehen, wie sich der Zustand der Patienten über die Jahre systematisch verschlechterte, wie die Röntgenbilder immer schlimmer wurden“, erzählt Simianer, inzwischen Vice President, International R&D und General Manager von AbbVie Deutschland in Ludwigshafen. „Im Prinzip waren das Dokumente des Versagens. Rheumatologie war für Ärzte wirklich eine Herausforderung, weil man tatsächlich keine große Hilfe anbieten konnte.“ 

Lori Anne wendete die damals verfügbaren Therapien an, um aufstehen und in die Schule gehen zu können. Ihre Lehrerin war entsetzt. „Sie weinte, weil es ihr so naheging. Ich hatte ziemlich viel abgenommen, weil ich fast nichts aß“, erklärt Lori Anne. „So drastisch war das – und so schnell ging alles.“ Auch war sie immer noch erschöpft, konnte weder Tennis noch Basketball spielen, was sie früher so gerne getan hatte, und an ihrem Körper waren die Folgen der Erkrankung zu erkennen.

RA-Therapie fundamental verändern

Am Standort Ludwigshafen, der später zum Forschungszentrum von AbbVie in Deutschland werden würde, untersuchten Wissenschaftler währenddessen ein körpereigenes Protein, den sogenannten Tumornekrosefaktor (TNF). In akuten Zuständen wie einem septischen Schock sind die TNF-Spiegel extrem hoch, denn der Körper schüttet zur Bekämpfung der Infektion TNF aus. Eine überraschend neue Erkenntnis war allerdings, dass das Protein auch bei Menschen mit RA in großen Mengen vorhanden ist. Diese Personengruppe hatte keine Infektionen, warum waren also ihre TNF-Spiegel so hoch?

Das Forschungsteam hatte bereits einen Anti-TNF-Antikörper oder TNF-Hemmer entwickelt, der bei septischem Schock wirkte. Sie stellten aber schnell fest, dass der Wirkstoff bei einer chronischen Erkrankung wie RA ohne Ergebnis blieb, denn bei Langzeitanwendung bildete der Körper seinerseits Antikörper, die ihn unwirksam machten. Also beschritten die Wissenschaftler in Zusammenarbeit mit Forschungskollegen in Massachusetts einen neuen, komplett unerforschten Weg.

Jochen Salfeld, Vice President, Global Biologics Discovery und Distinguished Research Fellow bei AbbVie, der zu der Zeit an der Spitze des Teams in Massachusetts stand, erklärt:

Jochen Salfeld und sein Team setzten die Messlatte ihrer Forschung hoch, um Menschen mit Autoimmunerkrankungen zu helfen.

Innovation über das Arzneimittel hinaus

Salfeld und sein Team waren nicht die einzigen innovativen Forscher, die sich in den 1990ern, als ihr vollständig humaner Anti-TNF-Antikörper in klinischen Studien untersucht wurde, mit TNF-Hemmern befassten. Spitzenwissenschaftler auf der ganzen Welt untersuchten diese neue Arzneimittelgruppe, die sogenannten Biologika, die in lebenden Zellen hergestellt wurden und bald zur Behandlung der RA eingesetzt werden sollten.

Anti-Tumornekrosefaktor (TNF)-Antikörper binden an das TNF-Protein im Körper, das bei Erkrankungen wie RA überschießend produziert wird und zu Entzündungen führen kann. Wenn der Anti-TNF-Antikörper an TNF bindet, werden dadurch die Auswirkungen von überschießendem TNF im Körper reduziert.

Bei Innovation geht es jedoch nicht nur um die Entdeckung eines Wirkstoffs. „Wir wollten nicht einfach ‚nur‘ ein Arzneimittel entwickeln, sondern ein Best-in-Class-Therapeutikum, das das Leben von Patienten verändern würde“, betont Salfeld. „Und wir wollten nicht nur die Erkrankung behandeln, sondern auch eine praktische Anwendungsform für den Patienten finden.“

Therapeutische Antikörper können nicht oral eingenommen, sondern müssen über eine Injektion verabreicht werden. „Statt mehrere Stunden mit einer Infusion zu verbringen, hielten wir es für viel praktischer, wenn die Patienten das Arzneimittel zuhause selbst injizieren könnten“, erinnert sich Salfeld. „Unser Team führte eine Studie mit Arthritispatienten in verschiedenen Ländern durch und stellte ihnen Optionen für eine Fertigspritze vor. Feedbacks wie ‚das funktioniert‘ oder ‚dies oder jenes müsste noch geändert werden‘ waren für uns sehr wertvoll. Die Fertigspritzen, die wir letztendlich verwendeten, sind also tatsächlich von Patienten für Patienten gestaltet worden.“

RA heute und in der Zukunft

Heute genießt Lori Anne aufgrund der Fortschritte auf dem Gebiet der Rheumatologie, u. a. dank Biologika, ein erfülltes Leben als Ehefrau, Mutter und Schulleiterin – an derselben Schule, wo der Teenager Lori Anne vor vielen Jahren eine Lehrerin wegen ihres sich verschlechternden Gesundheitszustands zum Weinen gebracht hatte.


Anti-Tumornekrosefaktor (TNF)-Antikörper binden an das TNF-Protein im Körper, das bei Erkrankungen wie RA überschießend produziert wird und zu Entzündungen führen kann. Wenn der Anti-TNF-Antikörper an TNF bindet, werden dadurch die Auswirkungen von überschießendem TNF im Körper reduziert.

Bei Innovation geht es jedoch nicht nur um die Entdeckung eines Wirkstoffs. „Wir wollten nicht einfach ‚nur‘ ein Arzneimittel entwickeln, sondern ein Best-in-Class-Therapeutikum, das das Leben von Patienten verändern würde“, betont Salfeld. „Und wir wollten nicht nur die Erkrankung behandeln, sondern auch eine praktische Anwendungsform für den Patienten finden.“

Therapeutische Antikörper können nicht oral eingenommen, sondern müssen über eine Injektion verabreicht werden. „Statt mehrere Stunden mit einer Infusion zu verbringen, hielten wir es für viel praktischer, wenn die Patienten das Arzneimittel zuhause selbst injizieren könnten“, erinnert sich Salfeld. „Unser Team führte eine Studie mit Arthritispatienten in verschiedenen Ländern durch und stellte ihnen Optionen für eine Fertigspritze vor. Feedbacks wie ‚das funktioniert‘ oder ‚dies oder jenes müsste noch geändert werden‘ waren für uns sehr wertvoll. Die Fertigspritzen, die wir letztendlich verwendeten, sind also tatsächlich von Patienten für Patienten gestaltet worden.“

RA heute und in der Zukunft

Heute genießt Lori Anne aufgrund der Fortschritte auf dem Gebiet der Rheumatologie, u. a. dank Biologika, ein erfülltes Leben als Ehefrau, Mutter und Schulleiterin – an derselben Schule, wo der Teenager Lori Anne vor vielen Jahren eine Lehrerin wegen ihres sich verschlechternden Gesundheitszustands zum Weinen gebracht hatte.

   Die Fotos zeigen Lori Anne als High School-Schülerin und heute mit ihrem Sohn

In den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren hat sich im Bereich der rheumatoiden Arthritis viel verändert – von unseren Kenntnissen des Erkrankungsprozesses über die Entwicklung neuer und fortschrittlicher Arzneimittel bis zur Verbreitung und Anwendung von Gesundheitsinformationen für RA-Patienten. Dank der verfügbaren verbesserten Therapien können viele Menschen mit RA eine gute Krankheitskontrolle erreichen und damit ein weitgehend normales und aktives Leben führen. Aber eben nicht alle. Und selbst diejenigen, die es schaffen, leiden mitunter an periodischen Schüben, Erschöpfung und progressiven Gelenkschädigungen. Deshalb suchen Wissenschaftler wie Salfeld immer neue Möglichkeiten zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen wie RA.

„Die meisten Menschen haben eine bestimmte Vorstellung von ihrem Leben – und plötzlich stellen sie fest, dass sie an einer Autoimmunerkrankung leiden“, so Salfeld. „Autoimmunerkrankungen sind chronische Erkrankungen. Es ist für die Betroffenen schwer, sich bei der Erstdiagnose klarzumachen, dass diese Erkrankung sie ein Leben lang begleiten wird. Sie verschwindet nicht einfach in zwei Wochen wieder. Das heißt, auch für uns bei AbbVie stellt sich immer wieder die Frage neu, wie wir unsere Erfahrung für die Forschung einsetzen können? Wie können wir mehr Patienten behandeln und die Erkrankung noch besser in den Griff bekommen?“

Letztendlich zeigen Patientengeschichten wie die von Lori Anne, warum sich der lange Weg der Erforschung und Entwicklung von Wirkstoffen lohnt. „Für Patienten hat der Gedanke, dass sie ihre Erkrankung kontrollieren können, eine große Signalwirkung – weil die Erkrankung nicht mehr sie in Schach hält, sondern sie sie zusammen mit ihrem Arzt in Schach halten“, verdeutlicht Salfeld. „Genau das motiviert mich, motiviert uns alle zu unserer Arbeit.“