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Chronisch krank im Job: Sag ich’s oder sag ich’s nicht?

News   •   Jun 02, 2021 08:28 CEST

Quelle: www.sag-ichs.de

Rund 50 Prozent der Deutschen sind von einer oder mehreren chronischen Erkran­kungen betroffen*. Für viele von ihnen stellt sich irgendwann die Frage, ob oder wie sie mit ihrer Führungskraft oder den Kolleg*innen über das Thema reden sollen. Oft ist die Angst vor Diskriminierung oder dem Verlust der Beschäftigung zu groß. Gleichzeitig gibt es den Wunsch nach Unterstützung oder Anpassung des Arbeitsplatzes. Die von AbbVie unterstützte Initiative „Sag ich’s? Chronisch krank im Job“ will bei dieser schwierigen Entscheidung mit einem interaktiven digitalen Selbst-Test unterstützen.

Voller Tatendrang startete Eva Maria in ihren ersten Job als IT-Beraterin. Von ihrem Morbus Crohn erzählte sie dort nichts. Ungeachtet mehrerer Schwächeanfälle, starker Schmerzen und Durchfälle gab sie täglich ihr Bestes. „Besonders die Reiserei und die taffen Arbeitszeiten ließen mich mehrmals über meine Grenzen hinausgehen.“ Die Signale ihres Körpers habe sie einfach ignoriert. „Irgendwann waren meine Schmerzen dann so schlimm, dass ich mich krankmelden musste. Von meinen Projekten wurde ich abgezogen.“

So wie Eva Maria geht es vielen Menschen mit chronischen gesundheitlichen Einschränkungen. Sie können oft nicht dauerhaft Vollgas geben – sei es, weil sie häufiger zum Arzt oder in die Klinik müssen, oder weil sie wegen Schmerzen oder der Notwendigkeit häufigerer Pausen ausfallen. Die Entscheidung, offen über ihre Beeinträchtigung zu sprechen, fällt vielen Menschen gerade auf der Arbeit schwer, denn die Folgen sind nicht vorhersehbar. Reaktionen von Kolleg*innen und Führungskräften können positiv wie negativ ausfallen.

Zweifaches Engagement

AbbVie setzt sich seit vielen Jahren für das Thema ein – und zwar in doppelter Hinsicht: „Das Thema Beschäftigungsfähigkeit und Inklusion chronisch Kranker ist für uns einerseits intern wichtig aus Sicht eines Arbeitgebers“, erklärt Jutta Ulbrich, Director Patient Engagement. „Aber natürlich spielt es auch häufig im Alltag von Patient*innen eine große Rolle und ist somit Teil unseres externen Engagements.“ Seit 2016 unterstützt AbbVie daher das Projekt „Sag ich’s? Chronisch krank im Job“ der Universität Köln.

Partner der Initiative

„Sag ich’s? Chronisch krank im Job“ ist ein gemeinsames Projekt vom Lehrstuhl für Arbeit und berufliche Rehabilitation der Universität zu Köln, der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen e.V. (BAG Selbsthilfe), dem Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte e.V. (VDBW) und AbbVie. Darüber hinaus haben viele weitere Personen und Stellen zum Erfolg beigetragen. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales aus Mitteln des Ausgleichsfonds gefördert.


Seit Anfang April ist das Internetangebot der Initiative an den Start gegangen. Auf www.sag-ichs.de können sich die Besucher*innen zum Beispiel über Vor- und Nachteile eines offenen Umgangs mit der Erkrankung, Rechte und Pflichten oder die Umsetzung einer einmal getroffenen Entscheidung informieren. Ein Erklärvideo, sowie Links zu Beratungsstrukturen runden das Angebot ab. Im Zentrum der Webseite steht ein interaktiver Selbst-Test mit individualisierter Auswertung dazu, was für und was gegen eine Offenlegung spricht. Die Patentlösung gibt es nicht, daher ist eine individuelle Betrachtung der Situation so wichtig. „Mit dem anonymen Selbst-Test unterstützen wir Menschen dabei, eine selbstbestimmte und für sich passende Entscheidung zum Umgang mit ihrer chronischen Erkrankung im Arbeitsumfeld zu treffen – und das auf wissenschaftlicher Basis“, erläutert Julia Stern, Lead Public Health & Policy bei AbbVie.

Ein offener Umgang kann Vor- und Nachteile bringen - Entscheidend ist das Arbeitsumfeld

Der offene Umgang mit der eigenen Erkrankung kann viele Vorteile mit sich bringen: So können beispielsweise körperliche oder psychische Einschränkungen in der modernen Arbeitswelt durch Anpassungen des Arbeitsplatzes gut aufgefangen werden. Zudem kann die Offenheit eine Erleichterung sein – für die Betroffenen selbst und das berufliche Umfeld. Unterstützung durch die Kolleg*innen ist keine Seltenheit. Bei Eva Maria zahlte sich der offene Umgang mit der Krankheit aus. Mittlerweile arbeitet sie mit einer 70 Prozent-Stelle in einer internen Abteilung. „Ich habe das große Glück, einen verständnisvollen Arbeitgeber zu haben. Ich fordere mich, ohne meine körperlichen Grenzen zu überschreiten“. Auch im Hinblick auf ihre Kolleg*innen bereut Eva Maria den Schritt nicht: „Ich muss mich nicht mehr doof fühlen, meinen Brei auszupacken, wenn die anderen sich Pizza bestellen. Und ich muss keine blöden Sprüche fürchten, wenn ich mal spontan im Meeting aufstehe und zur Toilette flüchte.“

Eine Erkrankung offen anzusprechen, birgt aber auch die Gefahr der Benachteiligung, besonders wenn diese Erkrankung mit Vorurteilen belegt ist. Schlechtere Chancen im Job und abwertendes Verhalten von Kolleg*innen oder Führungskräften können die Folge sein. Welche Konsequenzen tatsächlich eintreten, ist für Betroffene oft nicht einfach abzuschätzen.

Eine im Rahmen des Projektes durchgeführte Studie mit 250 Arbeitnehmer*innen mit chronischen Erkrankungen macht deutlich, dass das Klima im Team bzw. die Kultur im jeweiligen Unternehmen eine wichtige Rolle dafür spielen, wie offen Betroffene mit ihrer chronischen Erkrankung umgehen und wie zufrieden sie nachher mit ihrer Entscheidung sind.

Viele Expert*innen, ein Ziel

Bei der Entwicklung des Internetangebotes achteten die Partner*innen rund um Projektleiterin Professorin Dr. Mathilde Niehaus (siehe Interview) deshalb darauf, möglichst viele Expert*innen einzubinden: Betriebsärzt*innen, Betriebsrät*innen, Selbsthilfe-Organisationen und nicht zuletzt ein Gremium mit Expert*innen in eigener Sache (chronisch erkrankte Arbeitnehmer*innen) brachten ihr Wissen und ihre Perspektive mit ein.

Weitere Infos gibt es auf www.sag-ichs.de

*Aus dem Report „Chronisch krank sein in Deutschland: Zahlen, Fakten und Versorgungserfahrungen“ des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt


„Wir lassen uns häufig durch unsere Ängste leiten“

Professorin Dr. Mathilde Niehaus ist Leiterin des Projekts „Sag ich’s?“. Im Interview erzählt sie, warum das Thema so wichtig ist, wie die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Partner*innen lief und was sie überrascht hat. Niehaus ist Leiterin des Forschungsbereiches Arbeit und Berufliche Rehabilitation an der Universität zu Köln.

Wie kam es eigentlich zur Initiative „Sag ich’s“?

2014 hatte AbbVie mich auf eine mögliche Zusammenarbeit angesprochen rund um das Thema „chronische Erkrankungen und Beschäftigungsfähigkeit“. Die Frage, ob und wie man über seine persönliche Situation sprechen solle, war aber zunächst nur am Rande präsent. Uns wurde im Laufe der Diskussion aber schnell klar, dass man genau dieser Frage näher auf den Grund gehen müsse. Denn in der wissenschaftlichen Literatur und Praxis gab es sehr wenig dazu. Wir haben dann gemeinsam nach Unterstützer*innen gesucht und wurden mit der BAG Selbsthilfe und dem VDBW relativ schnell fündig. Dabei war uns wichtig, Vertrauen zwischen den unterschiedlichen Partner*innen aufzubauen – gerade zwischen Vertreter*innen aus der Selbsthilfe und der Pharmaindustrie ist das nicht immer einfach.

Wie lief die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Partner*innen?

Durchgehend positiv. Wir haben sehr viel Unterstützung erfahren und die doch sehr heterogene Gruppe hat stets wertschätzend und bestärkend agiert. Bei einem solchen Projekt spielen natürlich die Mittel immer eine zentrale Rolle. Umso wichtiger war die Förderung durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Für den Antrag hat AbbVie eine Pilotstudie finanziell unterstützt, das hat sehr geholfen.

Warum ist das Thema so wichtig?

Allein deshalb, weil es ganz viele Menschen betrifft. Natürlich zuallererst die Personen mit einer chronischen Erkrankung. Sie spüren den Druck der Entscheidung ganz besonders, ob sie auf der Arbeit etwas von der Erkrankung erzählen sollen oder nicht. Aber auch Vorgesetzte und Kolleg*innen haben ein großes Interesse daran, denn es bestehen viele Unsicherheiten im Umgang mit Kolleg*innen mit chronischen Erkrankungen. Im Unternehmen sind ebenfalls viele Stellen involviert: Personaler*innen, Betriebs- und Personalräte, Schwerbehindertenvertretungen, Inklusionsbeauftragte und natürlich die Betriebsärzt*innen. Auch im Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) ist das Thema immer präsent.

Was waren die Ziele der Initiative?

Sag ich’s oder sag ich’s nicht? Diese Frage ist unglaublich komplex und für niemanden einfach zu beantworten. Genau dafür wollten wir die Öffentlichkeit, aber auch die verschiedenen Akteure sensibilisieren und sie in ihrem jeweiligen Kontext unterstützen. Die Website www.sag-ichs.de bietet deshalb neben dem Selbst-Test auch umfangreiche Informationen. Auf unserem Weg haben wir ganz viel Wertschätzung für das Thema wahrgenommen, zum Beispiel auf Kongressen, Tagungen und in Workshops.

Was hat Sie überrascht?

Es ist deutlich geworden, wie sehr wir Menschen uns durch unsere Befürchtungen und Ängste leiten lassen, anstatt auf die Hoffnungen und Perspektiven zu vertrauen. Eine solche Herangehensweise führt nicht immer zum optimalen Ergebnis. Unser Internetangebot möchte daher dabei unterstützen, Argumente für und gegen einen offenen Umgang mit der Erkrankung möglichst unparteiisch aufzuzeigen und so auch den Hoffnungen und langfristigen Wünschen das richtige Gewicht bei der Entscheidungsfindung zu geben.

Wie geht es nun weiter?

Wir schauen zunächst, wie wir die Website bekannter machen können. Wir hoffen auf viel Feedback der Nutzer*innen, um das Angebot stetig zu verbessern. Darüber hinaus haben sich einige interessante Ansätze rund um die Themen Sprache, Kultur und Zielgruppen gezeigt. Wie kann man Personen mit Migrationshintergrund besser ansprechen? Kann man das Tool für den Bewerbungsprozess weiterentwickeln? An Ideen mangelt es uns jedenfalls nicht.