AbbVie Deutschland folgen

Daten & Forschung: „Chancen und Risiken müssen auf den Tisch“

News   •   Okt 15, 2020 15:33 CEST

Wie erreichen wir mit Daten Innovationen in der Medikamentenforschung und an welcher Stelle können uns Quantencomputer hier zu einem Entwicklungssprung verhelfen? Dazu tauschten sich im Rahmen der Gesprächsreihe „1+1 macht 3“ Prof. Dr. Kristel Michielsen, Leiterin der Gruppe „Quantum Information Processing“ des Jülich Supercomputing Centre, und Dr. Lars Greiffenberg, Leiter für digitale Forschung und Literaturdatenbanken bei AbbVie Deutschland, aus.

Die Forschung sucht intensiv nach Antworten auf schwerwiegende Erkrankungen wie Krebs oder Alzheimer. Der medizinische Bedarf wächst dabei exponentiell durch die demografische Entwicklung. „Einen Durchbruch in diesen Bereichen können wir nur schaffen, wenn wir über die entsprechenden anonymisierten Gesundheitsdaten verfügen“, erklärt Dr. Greiffenberg. „Aktuell haben wir wenige Daten von wenigen Patienten, wir brauchen aber genau das Gegenteil: Viele Daten von vielen Patienten.“ Als Vergleich führt er das Wetter an: Heute sind die Vorhersagen für die nächsten fünf Tage so präzise wie vor 30 Jahren die Vorhersagen über den nächsten Tag. „Das ist nur aufgrund vieler und qualitativ hochwertiger Informationen möglich.“

Datenqualität als kritischer Faktor

Ein Punkt, der auch Professorin Michielsen wichtig ist. „Es geht nicht nur um die Quantität von Daten, sondern insbesondere auch um deren Qualität.“ So scheitern die Auswertungen zum Teil schon dann, wenn die gesammelten Informationen aus verschiedenen Krankenhäusern kommen. „Wir erkennen sogar in den Daten, wenn in Langzeitstudien Mitarbeiter*innen, die bestimmte Messungen durchführten, wechseln“, verdeutlicht Dr. Greiffenberg die sensible Situation. Gleichzeitig würden diese Studien aber auch zeigen, dass die Teilnehmer durchaus das Gefühl entwickeln, einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten mit ihrer Bereitschaft. „Insgesamt können bei diesem Aspekt auch sogenannte Wearables eine große Hilfe sein, da diese der punktuellen Messung beim Arzt, beispielsweise des Blutdrucks, mit wichtigen Kontextinformationen ergänzen können und somit medizinisch aussagekräftiger sind. Denn die individuellen Umstände wie z. B. körperliche Betätigung machen einen Unterschied bei der Bewertung eines Messwertes.“

Rahmen und Gesetze beim Datenschutz europaweit einheitlich 

Das Thema Datenschutz spielte in der Diskussion eine wichtige Rolle. Einig sind sich die Expert*innen darüber, dass nicht nur die Daten selbst geschützt, sondern vor allem deren Missbrauch verhindert werden müsse. Dazu brauche es klare Rahmenbedingungen und Gesetze, möglichst auch auf europäischer Ebene. „Eine Datenspende ist ein Mehrwert für die ganze Gesellschaft“, so Dr. Greiffenberg. „Daher muss ganz klar sein, dass Spender*innen dadurch keine Nachteile haben.“ Aus der datenbasierten Medizin entstehen natürlich auch ethische und ganz persönliche Fragen. Möchte man die eigene Gesundheitsprognose überhaupt kennen? Und falls ja, wie geht man damit um? „Letztlich müssen wir alle Chancen und Risiken auf den Tisch bringen und dann müssen die Menschen gemeinsam mit der Politik abwägen und entscheiden, welchen Weg wir gehen wollen. Wichtig ist, dass wir uns schnell und sehr bewusst damit auseinandersetzen, denn wir stellen hier Weichen für unsere Kinder und Kindeskinder.“

Quantencomputing als Chance

Beim Weg der datenbasierten Medizin kommt es neben der Qualität und Quantität der Informationen zusätzlich auf die Rechenleistung in der Verarbeitung sowie die Speicherkapazität an. Hier können Kombinationen aus konventionellen und Quantencomputern ihren Beitrag leisten „Wir stecken bei den Quantenprozessoren noch in den Kinderschuhen“, erklärt Professorin Michielsen. „Dennoch können modulare Lösungen aus herkömmlichen Prozessoren und Quantencomputern bereits heute in der Forschung weiterhelfen.“ Dabei sollten die jeweiligen Computersysteme nah beieinander liegen, um Geschwindigkeitsverluste zu vermeiden. „Die größten Vorteile dieser hybriden Systeme könnten wir im Bereich der Optimierung, des maschinellen Lernens und des Datenclusterings erzielen.“

Gemeinsam an der Zukunft forschen

Eine klare Meinung hatten beide Expert*innen auch beim Einbeziehen großer internationaler Unternehmen wie beispielsweise Apple und Google. „Wir werden an diesen Firmen vorbei keine wirklich großen und schnellen Fortschritte erzielen können. Wir müssen viel stärker die Gemeinsamkeiten betonen und zusammenarbeiten“, erläutert Professorin Michielsen. Ein Anliegen, dass auch Dr. Greiffenberg unterstützt: „Natürlich gilt es, alle Entwicklungen genau zu beobachten, aber allgemein sollten wir die Chancen der Digitalisierung ergreifen und in einen geregelten Rahmen fassen, statt sie zu bekämpfen. Denn nur so kommen wir schneller, besser und effizienter zu innovativen Therapien.“

Zum vollständigen Gespräch der Reihe „1+1 macht 3“ des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) geht es hier.