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Schluss mit Stuss: 6 Mythen über Neurodermitis

News   •   Jun 02, 2020 08:35 CEST

Die ganzheitlichen Auswirkungen von Neurodermitis spielen sich nicht nur auf der Haut ab.

Neurodermitis, den Begriff hat sicher jeder schon mal gehört. Klar, das ist eine Hautkrankheit. Die meisten kennen vermutlich eine Person in ihrem Umfeld, die Neurodermitis hat. Doch was wissen wir über die Erkrankung? Wussten Sie beispielsweise, dass der Name Neurodermitis irreführend ist?

Zeit, mit den Mythen und Irrglauben über Neurodermitis aufzuräumen und Fakten zu schaffen.

#1 Neurodermitis hat mit den Nerven zu tun.

Tatsächlich ist der Begriff Neurodermitis historisch bedingt, aber irreleitend. Denn: Neurodermitis beruht auf der Annahme, dass die Ursache der Hauterkrankung eine Entzündung der Nerven sei (abgeleitet von den griechischen Begriffen Neuron = Nerv, Derma = Haut und –itis = Entzündung)1. Doch das ist falsch. Neurodermitis hat nichts mit einer Entzündung der Nerven zu tun. Eine weniger irreführende Bezeichnung für Neurodermitis ist atopische Dermatitis, oder auch atopisches Ekzem. 2,3

Aber was ist denn nun Neurodermitis, also atopische Dermatitis? Bei der atopischen Dermatitis handelt es sich um eine chronische Entzündung der Haut, deren Ursache noch nicht vollständig geklärt ist. Patienten haben häufig eine defekte Hautbarriere und ihr Immunsystem neigt genetisch bedingt dazu, auf bestimmte Reize aus der Umwelt zu stark zu reagieren. Daher kommt auch die heutige Bezeichnung: Atopische Dermatitis. Atopisch bedeutet Neigung zu Überempfindlichkeit und Dermatitis steht für eine Entzündung der Haut. Letztere beschränkt sich bei der atopischen Dermatitis jedoch häufig nicht nur auf die Haut, sondern kann auch andere Organe des Körpers betreffen. Daher ist die atopische Dermatitis nicht nur eine Hauterkrankung, sondern eine systemische Erkrankung.2,4

#2 Neurodermitis wird durch Stress ausgelöst.

Das ist nicht unbedingt falsch. Stress kann dazu führen, dass Symptome auftreten oder schlimmer werden. Generell wird Neurodermitis aber durch unterschiedliche Auslöser hervorgerufen – oftmals ist es ein Zusammenspiel von mehreren Faktoren:

  • Immunologische Auslöser: Das Immunsystem überreagiert bei atopischer Dermatitis auf bestimmte Reize, worauf die Haut mit Entzündungen antwortet, obwohl es rein äußerlich nicht unbedingt eine offensichtliche Ursache dafür gibt.
  • Umwelteinflüsse: Sie spielen eine zentrale Rolle und können zu einer Reizung des Immunsystems führen, bzw. Ekzeme verschlimmern. Durch die gestörte Hautbarriere können vermehrt Allergene oder Bakterien aus der Umwelt eindringen und Entzündungen auslösen. Auf sogenannte Triggerfaktoren wie Pollen, raue Kleidung, Schweiß, Temperaturschwankungen, Schmuck, Kosmetika, aber auch Seife und Reinigungsmittel reagiert das Immunsystem dann überempfindlich (Atopie).
  • Genetische Veranlagung: Ist jemand in der Familie an Neurodermitis erkrankt, ist es wahrscheinlicher, dass auch die Kinder die Krankheit bekommen.2,3,4

Zudem tritt Neurodermitis oft gemeinsam mit weiteren Erkrankungen des sogenannten atopischen Kreises auf, dazu gehören allergische Reaktionen wie Asthma und Heuschnupfen.2,4

#3 Neurodermitis haben nur Kinder.

Das ist nicht korrekt. Ja, Neurodermitis ist die häufigste chronische Erkrankung bei Säuglingen und Kleinkindern (in Deutschland 23% dieser Altersklasse3). In vielen Fällen sind die Kinder von damals als Erwachsene nicht mehr betroffen. Dennoch entwickeln 30% der Menschen, bei denen im Kindesalter schon atopische Dermatitis aufgetreten ist, auch im Erwachsenenalter Ekzeme3. Und es gibt Patienten, die in der Kindheit keine Symptome hatten und erst später Neurodermitis bekommen. Insgesamt haben 2 bis 4% der Erwachsenen Neurodermitis.3

Ebenso zeigt sich, dass die Prävalenz, also das Vorkommen von Neurodermitis, in den letzten Jahren gestiegen ist. Männer und Frauen sind in der Regel gleich häufig betroffen.2

#4 Neurodermitis, das sind doch nur trockene Hautstellen.

Leider nein. Die Symptome, die schubweise auftreten, sind vielfältig und können unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Tatsache ist, dass Patienten mit atopischer Dermatitis in der Regel sehr trockene Haut haben. Dies wird durch die defekte Hautbarriere verursacht. Doch je schwerer die Erkrankung wird, desto schlimmer sind die Ekzeme, bis hin zu geröteten, schuppigen und entzündeten Hautstellen, die oftmals starken Juckreiz verursachen können. Vor allem bei schwereren Fällen von atopischer Dermatitis kann die Erkrankung eine große Belastung sowohl für die Betroffenen als auch die Angehörigen sein.2,4

Ein weiterer Fakt über Neurodermitis, der häufig nicht bekannt ist: Je nach Alter des Patienten tritt Neurodermitis an unterschiedlichen Stellen am Körper auf. Babys haben beispielsweise eher am Kopf, Gesicht oder am Rumpf Ekzeme, Kinder vermehrt in Ellenbogenbeugen und Kniekehlen. Bei Erwachsenen treten Ekzeme häufiger im Nacken, Dekolleté-Bereich und an den Händen auf.5

#5 Neurodermitis betrifft nur die Haut.

Neurodermitis ist zwar in erster Linie „nur“ auf der Haut sichtbar. Doch spielt sich ein Großteil der Krankheit darunter ab – auch mögliche Begleiterkrankungen können „unter“ die Haut gehen. So kann der starke Juckreiz zu Schlafmangel führen, was wiederum die Leistungsfähigkeit und somit den Alltag und das Berufsleben negativ beeinflusst. Hinzu kommt, dass sich Betroffene aufgrund der sichtbaren Ekzeme stigmatisiert fühlen. Sie schämen sich, verstecken ihre Haut und meiden gar soziale Kontakte. Die Lebensqualität sinkt. Gerade bei schwereren Fällen von Neurodermitis kann die Krankheit entsprechend psychische Auswirkungen haben. Studien belegen, dass Menschen mit Neurodermitis zu Depressionen und Angstzuständen neigen können.

Die ganzheitlichen Auswirkungen von atopischer Dermatitis sind somit oft deutlich größer als „nur“ das sichtbare Ekzem auf der Haut. Häufig werden sie gar nicht erkannt oder nicht der Neurodermitis zugeordnet.2,6,7

#6 Bei Neurodermitis helfen nur Salben.

Wie bei vielen Hauterkrankungen denkt man bei der Behandlung erstmal an Cremes und Salben. Natürlich, die Symptome spielen sich in erster Linie auf der Haut ab. Die Behandlung von Neurodermitis ist jedoch komplexer. Die Therapie hängt vor allem vom Schweregrad der Erkrankung ab. Zuerst sollten offensichtliche Triggerfaktoren vermieden werden. Die äußerliche Behandlung mit Cremes und Salben wird generell bei allen Schweregraden angewendet, um die Barrierefunktion der Haut zu verbessern. Weiterhin können bei Bedarf entzündungshemmende Salben verwendet werden. Spricht diese Therapie nicht ausreichend an, verschlechtert sich die Erkrankung oder leidet der Patient sehr stark, kann auf systemische Therapien zurückgegriffen werden. Das sind Medikamente, die als Tabletten eingenommen oder gespritzt über den Blutkreislauf im Körper wirken und in das Entzündungsgeschehen eingreifen. Um eine bestmögliche Krankheitskontrolle zu erreichen, sollte die individuell passende Therapie immer mit einem Arzt besprochen werden.

Ein Lichtblick: Auf dem Gebiet der Behandlung einer schweren Neurodermitis wird aktuell viel geforscht und neue Therapieansätze geben den Betroffenen Grund zur Hoffnung auf weitere Behandlungsoptionen zur Linderung der atopischen Dermatitis und ihrer Begleiterkrankungen.2,3

Quellen:

1. Neurodermitisportal. Ursprung des Namens für Neurodermitis und weitere Bezeichnungen. https://www.neurodermitisportal.de/ursprung-des-namens-fuer-neurodermitis-und-weitere-bezeichnungen/ (zuletzt abgerufen am 30.04.2020).

2. Leitlinie der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG): Leitlinie Neurodermitis (atopisches Ekzem, atopische Dermatitis), Leitlinie 03/2015. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/013-027k_S2k_Neurodermitis_2015-03-verlaengert.pdf (zuletzt abgerufen am 30.04.2020).

3. Brückmann H et al.Juckreiz, Schuppen, Rötungen. Deutsche Apotheker Zeitung. 2018;31:42-45

4. Weidinger S et al. Atopic dermatitis. Nat Rev Dis Primers. 2018;4(1).

5. Weidinger S & Novak N. Atopic Dermatitis. Lancet 2016; 387:1109–22.

6. Ring J et al. Atopic eczema: burden of disease and individual suffering – results from a large EU study in adults. JEADV. 2019;33:1331–1340.

7. Schonmann Y et al. Atopic Eczema in Adulthood and Risk of Depression and Anxiety: A Population-Based Cohort Study. J Allergy Clin Immunol Pract. 2020;8(1):248-257.